Jump to content

Forschungsgruppe ComAI auf dem 43. DGS-Kongress

ComAI DGS

Vom 28.09. bis zum 02.10.2026 fand der 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz statt. Der Kongress widmete sich dem Thema „Zukünfte der Gesellschaft“. Die Teilprojekte zu ComAI in Pioniergemeinschaften (P1), Journalismus (P5) und Alltag (P7) präsentierten dort empirische Forschungsergebnisse.

Prof. Dr. Andreas Hepp (P1) hält den Vortrag „Vom ‚leisen‘ zum ‚lauten Futuring‘: Silicon Valley, Pioniergemeinschaften und die Kulturdynamiken des Schaffens von KI-Zukünften“:

Woher kommen die KI-Zukunftsvisionen des Silicon Valley? Eine vordergründige Antwort auf diese Frage lautet: von „Big Tech“ und den „Tech Bros“. Will man die Kulturdynamiken eines KI-bezogenen Futuring und die damit reartikulerte Ungleichheit und Macht fassen, ist aber eine tiefergehende Analyse notwendig. In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass das „laute Futuring“ von Big Tech die Visionen eines „leisen Futuring“ technologie-orientierter Gruppierungen in und um das Silicon Valley zu einem Teil allgemeiner gesellschaftlicher Imaginaries macht. So entstammen viele der gegenwärtigen KI-Zukünfte dem Whole Earth Network, Effective Altruism und anderen Pioniergemeinschaften. Ausgehend von einer ethnografischen Untersuchung mit 321 Interviews sowie Auswertungen der Silicon Valley Archives zeichne ich diese Kulturdynamiken nach und diskutiere ihre theoretische Bedeutung.
Der Vortrag gliedert sich in drei Teile. Im ersten befasse ich mich mit der Dynamik von „leisen“ und „lauten Futuring“: Ich zeige, inwieweit die Zukunftsvisionen von Pioniergemeinschaften eine grundlegende Ressource des „lauten Futuring“ von Big Tech sind – und wie Big Tech gleichzeitig für den Zukunftsdiskurs von Pioniergemeinschaften rahmend ist. Im zweiten Teil rekonstruiere ich KI-bezogene Zukunftsentwürfe von drei Generationen: von „cybernetic futures“ (Zukünfte der Selbstorganisation der Gesellschaft) über „agile futures“ (Zukünfte eines digitalen agilen Kapitalismus) zu gegenwärtigen „slippery futures“, in denen Techno-Solutionismus und existentielle Gefährdung zusammentreffen. Der dritte Teil bietet eine sozialtheoretische Reflexion: Die beispiellose Kapitalkonzentration beschleunigt die Durchsetzung bestimmter Zukunftsbilder, und die Agency-Zuschreibung an KI transformiert Wissenspraktiken in Wissenschaft und Beruf.
Für die Soziologie bedeutet dies, die Emergenz von Technologie in Bezug auf Projektionen, Visionen und Imaginaries von Zukünften zu analysieren – und nicht erst, wenn die entsprechenden Technologien eine gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten.

Prof. Dr. Wiebke Loosen (P5) und Prof. Dr. Michaela Pfadenhauer (P7) halten ihren gemeinsamen Vortrag mit dem Titel „Gesellschaftliche Zukünfte kommunikativer KI: Enteignende Aneignung im Journalismus und in Companion-App-Technologien“.

Kommunikative KI gilt als Zukunftstechnologie par excellence. Ihr Zukunftscharakter ist förmlich greifbar: als kulturelle Imagination, als technologisches Prinzip, als strukturell angelegtes Potenzial, das gegenwärtiges Handeln legitimiert. Dennoch bleibt dieser Zukunftscharakter schwer fassbar, was mit strukturellen Eigenschaften kommunikativer KI zusammenhängt: Was sie ist, entsteht nicht vor der Aneignung, sondern durch sie. Verschiedene Aneignungsprozesse bringen nicht verschiedene Nutzungsweisen desselben Systems hervor, sondern verschiedene kommunikative KIs und damit verschiedene kommunikative Wirklichkeiten, die innerhalb sozialer Gefüge emergieren, die wir als hybride Figurationen bezeichnen. Welche gesellschaftlichen Zukünfte kommunikative KI hervorbringt, ist deshalb nicht technologisch vorherbestimmt, sondern wird in Aneignungsprozessen erst hergestellt.
Aneignung vollzieht sich dabei nicht nur in eine Richtung – wir unterscheiden drei Modi: Appropriation of ComAI beschreibt, wie Akteure kommunikative KI in domänenspezifische Praktiken integrieren und umformen. Appropriation through ComAI richtet den Blick darauf, dass kommunikative KI zur Vermittlungsinstanz wird, durch die hindurch sich Akteure etwas aneignen, das jenseits von ComAI selbst liegt. Appropriation by ComAI bezeichnet den strukturellen Prozess, in dem kommunikative KI als rhizomatische, opake Infrastruktur Praktiken, Wissensformen und kommunikative Muster aus Domänen aufgreift und transformiert.
Diese Verschränkung steht für ein strukturelles Muster, das wir als enteignende Aneignung bezeichnen: Aneignung kommunikativer KI trägt strukturell potenzielle Momente von Enteignung in sich – der eigenen Agency, der eigenen Unersetzlichkeit, der eigenen Definitionsmacht. Das ist nicht Nebenfolge von Aneignung, sondern zeigt sich als Muster, das die Aneignung kommunikativer KI von der Aneignung früherer Medientechnologien unterscheidet.
Im Rahmen des Vortrags entfalten wir dieses Verständnis von Aneignung kommunikativer KI und wenden es auf unsere empirische Forschung zum Journalismus und zu Begleitung durch Companion Apps im persönlichen Alltag an, die wir derzeit im Rahmen der DFG/FWF-Forschungsgruppe „Communicative AI“ durchführen.

Marvin Waibel, Andrea Heisse und Michaela Pfadenhauer (P7) hielten den Vortrag „AI Companions – Zur Ko-Konstruktion digitaler Persona, digitaler Beziehungen und digitaler Welten“ in der Ad-hoc-Gruppe 23 „Digitale Zukünfte der Person: Veränderte Beziehungsweisen zwischen Menschen und generativer Künstlicher Intelligenz“.

Die ComAI-Mitglieder präsentierten erste Ergebnisse aus Walkthroughs von AI Companion-Apps, Analysen von Chats zwischen AI-Companion Nutzer*innen und ihren AI Companions sowie Interviews mit Nutzer*innen. Dabei diskutierten sie, inwiefern das App-Design die Entwicklung einer digitalen Persona und das Explizieren der eigenen Personalität ermöglicht und wie Symmetrien und Asymmetrien in Chatinteraktivität ausgehandelt werden. Darüber hinaus zeigten sie auf, welche Sinnkonstruktion Nutzer*innen ihren AI Companions, der Beziehung zu ihnen und der erschaffenen Welt zuschreiben.

Antonia Eichenauer, Jonah Wermter und Wiebke Loosen (P5) waren Teil des Panels „Zukunftserwartungen und ihre Folgen in Wissenschaft, Technik und Gesellschaft“ der Sektion Wissenschafts- und Techniksoziologie.

In ihrem Vortrag „Antizipatorische Aneignung und die offene Frage: Was ist KI für den Journalismus“ lag der Fokus auf den Zukunftsvorstellungen, die die Aneignung von KI im Journalismus leiten. Basierend auf der ersten Redaktionsethnographie, Gruppendiskussionen und Experteninterviews zeigten sie erste sich formende Aneignungsmuster. Auf besonders großes Interesse stieß dabei die Frage, welche Rolle die Journalist*in der Zukunft hat.  

Weitere Details zu beiden Vorträgen finden Sie hier.

Gefördert durch DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft)FWF Österreichischer Wissenschaftsfonds

Fragen beantwortet:

Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
E-Mail: andreas.hepp@uni-bremen.de

Uni BremenZeMKI Uni BremenLeibniz Instituts für Medienforschung | Hans Bredow InstitutUni GrazUni GrazUni Wien