Forschungsgruppe ComAI auf dem 43. DGS-Kongress
Auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) zum Thema „Zukünfte der Gesellschaft“ ist die Forschungsgruppe ComAI heute, am 01. Oktober 2026, mit zwei Vorträgen vertreten.
Prof. Dr. Andreas Hepp (P1) hält den Vortrag „Vom ‚leisen‘ zum ‚lauten Futuring‘: Silicon Valley, Pioniergemeinschaften und die Kulturdynamiken des Schaffens von KI-Zukünften“:
Woher kommen die KI-Zukunftsvisionen des Silicon Valley? Eine vordergründige Antwort auf diese Frage lautet: von „Big Tech“ und den „Tech Bros“. Will man die Kulturdynamiken eines KI-bezogenen Futuring und die damit reartikulerte Ungleichheit und Macht fassen, ist aber eine tiefergehende Analyse notwendig. In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass das „laute Futuring“ von Big Tech die Visionen eines „leisen Futuring“ technologie-orientierter Gruppierungen in und um das Silicon Valley zu einem Teil allgemeiner gesellschaftlicher Imaginaries macht. So entstammen viele der gegenwärtigen KI-Zukünfte dem Whole Earth Network, Effective Altruism und anderen Pioniergemeinschaften. Ausgehend von einer ethnografischen Untersuchung mit 321 Interviews sowie Auswertungen der Silicon Valley Archives zeichne ich diese Kulturdynamiken nach und diskutiere ihre theoretische Bedeutung.
Der Vortrag gliedert sich in drei Teile. Im ersten befasse ich mich mit der Dynamik von „leisen“ und „lauten Futuring“: Ich zeige, inwieweit die Zukunftsvisionen von Pioniergemeinschaften eine grundlegende Ressource des „lauten Futuring“ von Big Tech sind – und wie Big Tech gleichzeitig für den Zukunftsdiskurs von Pioniergemeinschaften rahmend ist. Im zweiten Teil rekonstruiere ich KI-bezogene Zukunftsentwürfe von drei Generationen: von „cybernetic futures“ (Zukünfte der Selbstorganisation der Gesellschaft) über „agile futures“ (Zukünfte eines digitalen agilen Kapitalismus) zu gegenwärtigen „slippery futures“, in denen Techno-Solutionismus und existentielle Gefährdung zusammentreffen. Der dritte Teil bietet eine sozialtheoretische Reflexion: Die beispiellose Kapitalkonzentration beschleunigt die Durchsetzung bestimmter Zukunftsbilder, und die Agency-Zuschreibung an KI transformiert Wissenspraktiken in Wissenschaft und Beruf.
Für die Soziologie bedeutet dies, die Emergenz von Technologie in Bezug auf Projektionen, Visionen und Imaginaries von Zukünften zu analysieren – und nicht erst, wenn die entsprechenden Technologien eine gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten.
Prof. Dr. Wiebke Loosen (P5) und Prof. Dr. Michaela Pfadenhauer (P7) halten ihren gemeinsamen Vortrag mit dem Titel „Gesellschaftliche Zukünfte kommunikativer KI: Enteignende Aneignung im Journalismus und in Companion-App-Technologien“.
Kommunikative KI gilt als Zukunftstechnologie par excellence. Ihr Zukunftscharakter ist förmlich greifbar: als kulturelle Imagination, als technologisches Prinzip, als strukturell angelegtes Potenzial, das gegenwärtiges Handeln legitimiert. Dennoch bleibt dieser Zukunftscharakter schwer fassbar, was mit strukturellen Eigenschaften kommunikativer KI zusammenhängt: Was sie ist, entsteht nicht vor der Aneignung, sondern durch sie. Verschiedene Aneignungsprozesse bringen nicht verschiedene Nutzungsweisen desselben Systems hervor, sondern verschiedene kommunikative KIs und damit verschiedene kommunikative Wirklichkeiten, die innerhalb sozialer Gefüge emergieren, die wir als hybride Figurationen bezeichnen. Welche gesellschaftlichen Zukünfte kommunikative KI hervorbringt, ist deshalb nicht technologisch vorherbestimmt, sondern wird in Aneignungsprozessen erst hergestellt.
Aneignung vollzieht sich dabei nicht nur in eine Richtung – wir unterscheiden drei Modi: Appropriation of ComAI beschreibt, wie Akteure kommunikative KI in domänenspezifische Praktiken integrieren und umformen. Appropriation through ComAI richtet den Blick darauf, dass kommunikative KI zur Vermittlungsinstanz wird, durch die hindurch sich Akteure etwas aneignen, das jenseits von ComAI selbst liegt. Appropriation by ComAI bezeichnet den strukturellen Prozess, in dem kommunikative KI als rhizomatische, opake Infrastruktur Praktiken, Wissensformen und kommunikative Muster aus Domänen aufgreift und transformiert.
Diese Verschränkung steht für ein strukturelles Muster, das wir als enteignende Aneignung bezeichnen: Aneignung kommunikativer KI trägt strukturell potenzielle Momente von Enteignung in sich – der eigenen Agency, der eigenen Unersetzlichkeit, der eigenen Definitionsmacht. Das ist nicht Nebenfolge von Aneignung, sondern zeigt sich als Muster, das die Aneignung kommunikativer KI von der Aneignung früherer Medientechnologien unterscheidet.
Im Rahmen des Vortrags entfalten wir dieses Verständnis von Aneignung kommunikativer KI und wenden es auf unsere empirische Forschung zum Journalismus und zu Begleitung durch Companion Apps im persönlichen Alltag an, die wir derzeit im Rahmen der DFG/FWF-Forschungsgruppe „Communicative AI“ durchführen.
Weitere Details zu beiden Vorträgen finden Sie hier.
1. Oktober 2026Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
E-Mail: andreas.hepp@uni-bremen.de







