Mehr als AI Safety: Was der Exportstopp von Anthropics Fable 5 und Mythos 5 über globale Machtgeometrien verrät
Ein Blogbeitrag von Andreas Hepp
Wer derzeit als Nicht-Amerikaner mit dem jüngsten Sprachmodell von Anthropic, Claude Fable 5, arbeiten will, bekommt seit Samstag deutscher Zeit die Meldung, dass das Modell „gegenwärtig nicht verfügbar“ ist. Dahinter steht eine Exportkontrolle der US-Regierung, wonach allen ausländischen Staatsangehörigen der Zugriff auf die beiden jüngsten Modelle von Anthropic untersagt wird, unabhängig davon, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der Vereinigten Staaten aufhalten, einschließlich ausländischer Mitarbeiter von Anthropic, wie es auf der Webseite des Unternehmens heißt. Neben Fable 5 betrifft dies auch Mythos 5, das Modell, um das es in den letzten Wochen eine breite Berichterstattung gab, weil es Sicherheitslücken in der Software von Banken, Behörden und anderer relevanter gesellschaftlicher Infrastruktur aufdecken kann.
Folgt man öffentlichen Diskussionen, war der Auslöser ein Bericht von Amazon über einen Jailbreak, bei dem Fable 5 eingesetzt sein soll. Demnach wäre die Exportkontrolle aus Sicherheitsgründen erlassen worden. Der Fall steht aber auch für mehr, nämlich für die Frage, wie KI-Risiken minimiert werden können. Und hier gibt es durchaus unterschiedliche Positionen in der Silicon-Valley-Welt der „AI Safety“ und deren Pioniergemeinschaften.
Letztlich geht es dabei um zwei Positionen. Eine gegenüber Anthropic – und dessen Abgrenzung gegenüber OpenAI als das auf „Sicherheit“ orientierte Lab – kritische Lesart ist, dass Anthropic nun die Antwort bekommt, die es selbst wollte. Mehrfach hat die Führung von Anthropic eine Regulierung, eine Verlangsamung oder ein temporäres Pausieren der KI-Entwicklung ins Spiel gebracht, zuletzt weil die Wirkmächtigkeit der eigenen Modelle es ermöglichen würde, dass KI sich selbst entwickelt. Die amerikanische Regierung hat in einer solchen Sicht eine Art Lizenzierungsmodell durch die Hintertür eingeführt – und damit einen Schritt in die richtige Richtung getan.
Die andere Position ist, dass der Schritt über die Exportkontrolle selbst problematisch ist, weil es sich dabei um kein explizit eingeführtes Regulierungsregime handelt. In einem solchen Blickwinkel werden Möglichkeiten der Exportkontrolle zweckentfremdet, statt Fragen der KI-Sicherheit zu einer eigenständigen KI-Regulierung zu machen. Manche deuten den Vorfall in diesem Blickwinkel als einen weiteren Schritt im Konflikt zwischen Anthropic und der Trump-Administration, der sich seit Februar 2026 hinzieht, als das Unternehmen auf zwei Ausnahmen bei der militärischen Nutzung seiner Sprachmodelle bestand: keine vollautonomen Waffen und keine Massenüberwachung von US-Bürger:innen.
Sieht man all dies in einem weiteren, globalen Kontext, geht es aber um noch mehr – nämlich um die Frage, was KI-Sicherheit aus dem Blickwinkel globaler Machtgeometrien bedeutet. Gemeinsam ist beiden Blickwinkeln, dass Fragen von KI-Sicherheit als Fragen nationaler Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen oder der Interessen einzelner Unternehmen bzw. Labs behandelt werden. Was würde es aber heißen, wenn solche Fragen wirklich in einem globalen Kontext verhandelt würden, gerade vor dem Hintergrund, dass Modelle wie die von Anthropic weder in einem einzelnen Land genutzt werden noch mögliche Risiken an nationalen Grenzen haltmachen?
Betrachtet man die Diskussion um „AI Safety“ im Silicon Valley, fällt auf, dass solche Fragen kaum als Fragen globaler Gerechtigkeit und Machtverteilung gestellt werden, sondern fast ausschließlich im Register nationaler Sicherheit. Hier bleibt selbst Anthropics Führung der im Silicon Valley verbreiteten imaginativen Landschaft von KI und den dortigen Vorstellungen eines „KI-Race“ zwischen den USA und China verhaftet, auch wenn sie eine international koordinierte Verlangsamung der Entwicklung vorschlägt. Globale Machtgeometrien ernst zu nehmen heißt aber mehr, nämlich die transnationale Verteilung von Risiken einzubeziehen.
14. Juni 2026Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
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