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Pioniergemeinschaften und KI-Zukünfte in China: Warum es bei OpenClaw in Shenzhen auch um die One-Person Company geht

Collage von besuchten Maker-Spaces in China
Collage von besuchten Maker-Spaces in China

Ein Blogbeitrag von Andreas Hepp

Visionen möglicher Zukünfte mit KI unterscheiden sich erheblich zwischen verschiedenen kulturellen Kontexten. Im Silicon Valley und seinen Pioniergemeinschaften sind die Vorstellungen sehr getrieben von den Möglichkeiten einer Artificial General Intelligence bzw. Superintelligenz und den Herausforderungen von „AI Safety“, wie wir aktuell durch eine Medienethnografie und eine Analyse des Forums LessWrong untersuchen. Dies fügt sich in gesamtgesellschaftliche Imaginaries in den USA, wonach KI die Zukunft der Wirtschaft bestimmt und es durch eine gezielte Förderung entsprechender Großunternehmen darum geht, die eigene Vormachtstellung auszubauen. China wird in Diskussionen um ein „AI Race“ (Bareis & Katzenbach, 2022) gerne als „Gegenmodell“ präsentiert, bei näherem Blick gibt es aber vielfältige Bezüge. Dies hat sich bei einem Forschungsaufenthalt im April 2026 in Shenzhen gezeigt, der chinesischen Sonderwirtschaftszone an der Grenze zu Hongkong.

Bei meinem Aufenthalt hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Maker-Spaces und ihnen nahestehende Unternehmen wie beispielsweise „Seeed Studio“ zu besuchen, die selbst Hardware für Maker-Projekte herstellen und im Mai 2026 auch auf der re:publica in Berlin mit einem Stand vertreten waren. Kaum zu übersehen sind dabei die roten Hummer von OpenClaw, verbunden mit den Slogans „AI Native“ und „AI First“. Auf den ersten Blick lässt sich dies als Ausdruck des OpenClaw-Booms in China verstehen, über den auch die Presse in Europa ausführlich berichtete. Die Besonderheit von OpenClaw, dieser „open agent platform“ (https://openclaw.ai/blog/introducing-openclaw) – entwickelt von einem österreichischen Programmierer, der inzwischen bei OpenAI arbeitet – ist einerseits, dass sich mit ihr einfach eigenständige KI-Agenten entwickeln lassen. Andererseits kann dies mit Sprachmodellen verschiedener Anbieter geschehen, neben denen von OpenAI und Anthropic auch mit chinesischen Modellen wie Kimi (Moonshot AI) und MiniMax. Die Idee von OpenClaw entspricht so der Politik der chinesischen Regierung, auf Open Source bei der KI-Entwicklung zu setzen. OpenClaw gilt dort als „the AI era‘s answer for ordinary people“ (https://www.bbc.com/news/articles/cy41n17e23go).

Meine Beobachtungen in Shenzhen zeigen aber auch, dass dies nur ein Teil der Geschichte ist. Mindestens ebenso häufig wie auf OpenClaw stößt man in den Spaces nämlich auf etwas anderes: die Idee der „One-Person Company“ (OPC – chinesisch: 一人公司). OPC bezeichnet nicht einfach nur die Rechtsform einer Gesellschaft mit einem einzigen Gesellschafter (deren Gründung in China seit 2024 vereinfacht worden ist). Spätestens seit Beginn 2026 ist mit dem Begriff OPC in der chinesischen Innovationspolitik die Vision eines neuen Organisationsparadigmas von innovativen Kleinstunternehmen im KI-Zeitalter verbunden: KI-Agenten können die Aufgaben ganzer Teams übernehmen, Marketing, Vertrieb und vieles mehr organisieren, und es so einer einzelnen Person ermöglichen, ein Ein-Personen-Unternehmen aufzubauen. OpenClaw wird damit zum Tool, durch das nicht einfach nur chinesische KI-Modelle integriert werden können, sondern mit ihm erscheint es auch möglich, diese Vision des OPC in der Breite zu realisieren. Visionen von Open Source im Kontext von (in diesem Fall amerikanischen und europäischen) Pioniergemeinschaften und Tech-Bewegungen werden Teil der Materialisierung staatlicher Innovationspolitik.

Wir können dies als aktuellen Ausdruck einer viel längeren Entwicklung sehen: So wurden die Visionen der aus dem Silicon Valley stammenden Maker-Bewegung, die Wirtschaft durch experimentelle Maker-Spaces zu „innovieren“, in Chinas offizieller Innovationspolitik aufgegriffen – eine Entwicklung, die Silvia Lindtner als den Aufstieg einer „prototype nation“ (Lindtner, 2020) beschrieben hat (siehe auch Fu, 2026; Wen, 2017). Wir können bereits hier das transkulturelle Ineinandergreifen von „leisem“ und „lautem Futuring“ sehen (Hepp, 2026). „Leises Futuring“ bezeichnet Zukunftsvisionen von Pioniergemeinschaften wie die der Maker-Bewegung, die erst einmal an deren Mitglieder und Interessierte gerichtet sind. Diese werden dann im „lauten Futuring“ von Unternehmen und staatlichen Akteuren wie in diesem Fall der chinesischen Regierung aufgegriffen, das sich an die Gesamtbevölkerung richtet und den Versuch darstellt, eine übergreifende, technologiebezogene gesellschaftliche Zukunftsimagination zu errichten, die in der Forschung als „sociotechnical imaginary“ (Jasanoff, 2015: 24) bezeichnet wird.

Der aktuelle chinesische Boom von OpenClaw fügt sich in dieses Muster. Die „open agent platform“ konnte so zu dem zentralen Tool werden, in dem sich die Imagination einer nationalen chinesischen KI-Innovationspolitik konkretisiert. In dieser Weise ist der OpenClaw-Boom eng verknüpft sowohl mit dem lokalen Kontext als auch mit dem lauten Futuring nationaler Innovationspolitik. Die Gründe für die Dynamik der Verbreitung von OpenClaw hängen dabei mit dem dortigen Kontext zusammen. Hier ist der Support der chinesischen Tech-Giganten zu nennen. In Shenzhen beispielsweise hat Tencent – Anbieter von WeChat und eines der dortigen Großunternehmen – öffentliche Events veranstaltet, um auch technologiefernen Menschen Unterstützung bei der Installation von OpenClaw zu geben. Viele der Menschen, mit denen ich vor Ort in den Spaces sprach, berichteten davon sowie von der Möglichkeit, kostengünstig Mini-PCs mit installiertem OpenClaw zu kaufen. Gleichzeitig gibt es auch staatliche Förderung: So haben die Behörden von Shenzhens Longgang-Bezirk Maßnahmen angekündigt, um ein Ökosystem rund um OpenClaw aufzubauen, das direkt auf die Förderung von „One-Person Companies“ zielt. Zugleich haben jedoch mehrere chinesische staatliche Stellen – technische Cybersicherheitsbehörden (CNCERT, NVDB/MIIT), die Kommission für die Überwachung und Verwaltung staatlicher Vermögenswerte (SASAC), das Ministerium für Staatssicherheit (MSS), die Zentralbank (PBoC) und eine Reihe von Universitäten – Warnungen ausgesprochen vor unsachgemäßer Installation, Datenlecks und unbeabsichtigtem Verhalten des KI-Agenten und in mehreren Fällen die Software innerhalb der ihrer Aufsicht unterstehenden Einrichtungen, darunter staatliche Banken, Regierungsbehörden und Hochschulen, teilweise verboten.

Insgesamt gesehen zeigt das Beispiel OpenClaw Verschiedenes: Erstens wird deutlich, dass auch in China ein enges Wechselspiel zwischen dem „leisen Futuring“ von Pioniergemeinschaften und dem „lauten Futuring“ von staatlichen Akteuren und Big Tech ausgemacht werden kann. Zweitens führt es vor Augen, dass dieses Wechselspiel transkulturell verläuft, d.h. wie bereits zuvor (amerikanische) Maker-Visionen in der staatlichen chinesischen Innovationspolitik aufgegriffen wurden, trifft dies nun auf (europäische) Vorstellungen der erwünschten „Offenheit“ von KI-Agenten zu. Drittens können wir die dabei bestehenden Dynamiken nicht als ein einfaches „Top-down“ begreifen, sondern die Wechselverhältnisse sind komplexer.

All dies verweist aber auf eine Fortführung der Vorstellung einer „prototype nation“, nicht nur in dem Sinne, dass sich China durch Aufgreifen von Methoden wie dem technologischen Prototyping von einer „Werkbank“ zu einem Land der Innovationsorte entwickeln möchte. Auch geht es dabei, sich selbst als den „Prototypen“ einer anderen Art erfolgreicher Nation zu sehen – jenseits der Modelle westlicher Demokratien. Und dies verweist dann wiederum zurück auf den eigentlichen Kern des „AI Race“.

Literatur:

Bareis, J., & Katzenbach, C. (2022). Talking AI into being: The narratives and imaginaries of national AI strategies and their performative politics. Science, Technology & Human Values, 47(5), 855–881.

Fu, P. (2026). Maker culture in China: Agile innovators between state and market. London: Palgrave.

Hepp, A. (2026). Pioneer communities. How our digital futures emerge in Silicon Valley and beyond. Cambridge: Polity (in production).

Jasanoff, S. (2015). Future imperfect. Science, technology, and the imaginations of modernity. In S. Jasanoff & K. Sang-Hyun (Eds.), Dreamscapes of modernity. Sociotechnical imaginaries and the fabrication of power (pp. 1-33). Chicago: Univ. of Chicago Press.

Lindtner, S. M. (2020). Prototype nation. Princeton: Princeton University Press.

Wen, W. (2017). Making in China: Is maker culture changing China’s creative landscape? International Journal of Cultural Studies, 20(4), 343-360.

Gefördert durch DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft)FWF Österreichischer Wissenschaftsfonds

Fragen beantwortet:

Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
E-Mail: andreas.hepp@uni-bremen.de

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