Mirca Madianou zu Gast bei ComAI: Digitale Identität, Technokolonialismus und die Macht der Infrastrukturen
Im Rahmen eines Workshops und einer abendlichen ComAI Lecture war die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Mirca Madianou gestern zu Gast am ZeMKI in Bremen. In beiden Formaten diskutierte sie zentrale Ergebnisse aus ihrer langjährigen Forschung zu digitalen Technologien im humanitären Kontext – mit einem besonderen Fokus auf Machtverhältnisse, Infrastrukturen und ethisch hochproblematische Formen technologischer Intervention.
Der Workshop basierte auf aktueller gemeinsamer Forschung mit Charlotte Hill zu digitalen ID-Technologien. Ausgangspunkt der Diskussion war ein biometrisches Identifikationssystem, das in einem Flüchtlingscamp an der thailändisch-myanmarischen Grenze eingeführt wurde. Madianou analysiert dieses Beispiel als eine Form „verdeckter“ bzw. surreptitiver Experimentierung: Technologische Pilotprojekte werden nicht als solche ausgewiesen, sondern in bestehende Infrastrukturen der humanitären Versorgung eingebettet – etwa in den Zugang zu medizinischer Versorgung. Für die Betroffenen bedeutet dies, dass sie faktisch Teil eines Experiments werden, ohne informiert zu sein oder wirksam zustimmen zu können. Der Workshop diskutierte diese Dynamik kritisch als Ausdruck westlich geprägter Digital-ID-Konzepte, die lokale Kontexte und Wissensordnungen marginalisieren und bestehende Machtgefälle weiter verschärfen. Ein besonderer Schwerpunkt lag zudem auf den methodischen Zugängen der Studie. Neben ethnographischer Feldforschung arbeitet der Artikel mit partizipativen, künstlerischen Formaten, um Erfahrungen, Irritationen und Widerstände der Betroffenen sichtbar zu machen. Im Workshop wurde intensiv darüber gesprochen, welche epistemische Qualität solche künstlerischen Ausdrucksformen haben, wie sie entstehen und welche Rolle sie in der kritischen Analyse digitaler Infrastrukturen spielen können.
In der anschließenden ComAI Lecture stellte Madianou ihr neues Buch Technocolonialism: When Technology for Good Is Harmful vor. Darin entwickelt sie den Begriff des Technokolonialismus, um zu beschreiben, wie digitale Technologien im Namen von Humanitarismus, Effizienz und Innovation koloniale Machtstrukturen fortschreiben und neu konfigurieren. Anhand zahlreicher Beispiele aus über zehn Jahren Forschung zeigte sie, wie digitale Identitätssysteme, biometrische Datenbanken, KI-gestützte Entscheidungsprozesse oder Plattform-Infrastrukturen zu Formen struktureller Gewalt werden können. Zentral sind dabei sechs miteinander verwobene Logiken, die digitale humanitäre Interventionen prägen: eine Logik der Rechenschaftspflicht (accountability) und des Audits, eine kapitalistische Logik, technologischer Solutionismus, Sicherheitslogiken sowie – nicht zuletzt – Logiken des Widerstands, mit denen Betroffene sich diese Systeme aneignen, unterlaufen oder ihnen entgegentreten. Madianou argumentiert, dass technologische Infrastrukturen keineswegs neutral sind, sondern soziale Ordnungen stabilisieren, Ausschlüsse produzieren und Verantwortung diffundieren lassen.
Der Workshop und die Lecture boten damit wichtige Impulse für die Arbeit in der Forschungsgruppe: Sie schärften den Blick für die politischen, ethischen und epistemischen Dimensionen kommunikativer KI-Systeme und unterstrichen die Notwendigkeit, digitale Infrastrukturen stets aus der Perspektive derjenigen zu analysieren, die von ihnen betroffen sind.
28. Januar 2026Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
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