Inside the Feed: Wie Datenspenden Einblicke in politisches Verhalten auf Social Media ermöglichen
Am 23. Juni 2026 war Felicia Loecherbach (Universität Amsterdam / NYU Center for Social Media and Politics) zu Gast bei der ComAI-Lecture im Bremer Presse-Club. Unter dem Titel „Inside the Feed. Data donation and political behaviour on social media“ gab sie Einblicke in ein methodisches Forschungsfeld, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Datenspende als Zugang zu jenen Spuren politischer Informationsaufnahme, die sich der klassischen Forschung sonst entziehen.
Loecherbach eröffnete ihren Vortrag mit einer scheinbar einfachen, tatsächlich aber kniffligen Frage: Warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen, wer welche Informationen auf welche Weise erhält? Soziale Medien und KI entscheiden in immer stärkerem Maße darüber, welche Inhalte wir sehen, welche verborgen bleiben und welche Stimmen sich laut anfühlen. Gleich mehrere Eigenschaften heutiger Medienumgebungen erschweren diese Forschung:
- Sie ist unsichtbar: schnell, fragmentiert, nur halb erinnert.
- Sie ist personalisiert: jeder Feed ist einzigartig.
- Sie ist eine Black Box: Feeds sind private oder halb-private Räume, zu denen Plattformen der Forschung keinen Zugang gewähren.
- Sie ist mit Privatem vermischt: Informationen erreichen uns über dieselben Kanäle, die wir auch privat nutzen.
Hinzu kommt, dass Mediensysteme immer vielfältiger werden, was die Frage, wo man als Forschende überhaupt hinschauen soll, zusätzlich verkompliziert.
Hier setzt der Datenspende-Ansatz an: Die DSGVO räumt Nutzenden das Recht ein, ihre persönlichen Daten herunterzuladen und diese können sie für die Forschung spenden. Loecherbach und ihr Team haben dafür eine nutzerfreundliche Infrastruktur entwickelt, die die Daten so aufbereitet, dass nur die forschungsrelevanten und gerade nicht die intimen Teile übermittelt werden. Niemand braucht den gesamten WhatsApp-Verlauf, sondern nur bestimmte, klar umrissene Informationen daraus. Auf diesem Weg erhielt das Team Daten zu Browserverläufen sowie zur YouTube-, TikTok- und KI-Nutzung. Spannend war auch der Hinweis, dass das Team Menschen nicht nur online, sondern bewusst auch offline auf Veranstaltungen und Festivals ansprach. Dort fiel die Resonanz deutlich positiver aus, weil der Online-Weg für viele Nutzende mit komplexen Prozessen verbunden ist.
Dass solche Daten kein Selbstläufer sind, machte Loecherbach offen deutlich. Die Stichprobe ist verzerrt: Von 9.523 geöffneten Anfragen führten nur 435 zu einer tatsächlichen Datenspende, und auch wer dabei bleibt, ist nicht repräsentativ (eher jung, eher gebildet). Auch die Auswertung ist aufwendig, weil die Daten ausgesprochen unaufgeräumt („messy“) sind. Und selbst dann bleibt die Bedeutung oft offen: Ein Klick kann vieles heißen, eine Verweildauer ebenso, vieles ist schlicht zufällig. Der Vortrag bot damit nicht nur einen Einblick in ein vielversprechendes methodisches Feld, sondern auch eine ehrliche Auseinandersetzung mit dessen konzeptionellen, ethischen und praktischen Herausforderungen — und Anknüpfungspunkte für künftige Kooperationen im Bereich der politischen Kommunikations- und Plattformforschung.
24. Juni 2026Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
E-Mail: andreas.hepp@uni-bremen.de







