Axel Bruns zu Gast bei ComAI: Von „der“ Öffentlichkeit zu einem Netzwerk von Öffentlichkeiten
Im Rahmen der ComAI Lectures war der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Axel Bruns am 7. April zu Gast im Bremer Presse-Club. Bruns, derzeit im Rahmen unserer Forschungsgruppe als Mercator Fellow am ZeMKI, präsentierte unter dem Titel „Revisiting ‚the‘ Public Sphere and its algorithmically shaped publics“ einen konzeptionellen Rahmen, der die klassische Habermas’sche Vorstellung einer einheitlichen Öffentlichkeit grundlegend in Frage stellt – und durch ein empirisch fundiertes Modell vernetzter Öffentlichkeiten ersetzt.
Ausgangspunkt des Vortrags war Bruns‘ 2023 in Communication Theory erschienener Artikel „From ‚the‘ public sphere to a network of publics“, auf dem er aufbauend Ideen für ein neues Buch zum Thema vorstellte. Seine zentrale These: Das „die“ in „die Öffentlichkeit“ ist nicht länger haltbar – „öffentlich“ beschreibt in der Realität ein Spektrum zwischen öffentlich, halböffentlich und privat, und die „Sphäre“ ist kein einheitlicher Raum, sondern ein Netzwerk von Räumen mit je eigenen Strukturen und Dynamiken.
Bruns entfaltete eine Typologie kommunikativer Formationen, die als Bausteine dieses Netzwerks fungieren: von personal publics als ego-zentrierten Kommunikationsnetzwerken einzelner Individuen über issue publics, die sich um spezifische Themen oder Ereignisse herum bilden, bis hin zu public spherules, in denen sich verwandte Themenöffentlichkeiten zu größeren diskursiven Zusammenhängen verbinden. Entscheidend dabei: Diese Formationen stehen nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander, sondern bilden ein horizontal wie vertikal vernetztes Geflecht, das durch Merkmale wie Fragmentierung, Plattformisierung, Hyperconnectivity, Interoperabilität, aber auch durch Corporate Enclosure und Enshittification geprägt ist.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Rolle von Algorithmen. Bruns unterschied zwischen „Algorithms from Above“ – also plattformseitigen Mechanismen der Sichtbarkeitssteuerung, Moderation und Empfehlung – und „Algorithms from Below“, womit er automatisierte Akteure innerhalb kommunikativer Räume wie Bots, KI-generierte Inhalte und automatisierte Reaktionsmuster bezeichnete. Beide Ebenen formen die Strukturen und Dynamiken von Öffentlichkeiten auf je plattformspezifische Weise.
Bruns betonte die demokratietheoretische Relevanz dieser Perspektive: Wenn es „die“ eine Öffentlichkeit nicht mehr gibt, stellt sich umso dringlicher die Frage, wie demokratische Meinungsbildung in einem solchen Netzwerk fragmentierter, algorithmisch geformter Räume funktionieren kann. Begriffe und Konzepte, so Bruns, seien dabei keineswegs nur akademische Übungen – sie machen komplexe Phänomene greifbar, ermöglichen eine gemeinsame Sprache für die Analyse und informieren praktisches Handeln in Politik und Wirtschaft.
Der Vortrag bot damit wichtige Anknüpfungspunkte für die Arbeit der Forschungsgruppe ComAI: Das Modell vernetzter, algorithmisch geformter Öffentlichkeiten schärft den Blick für die kommunikativen Räume, in denen sich kommunikative KI zunehmend entfaltet und die öffentliche Debatte mitgestaltet.
8. April 2026Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
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