KI, Handlungsfähigkeit und Machtgeometrien – Rückblick auf den Vortrag von Prof. Dr. Simone Natale
Am 26. Mai 2026 war Prof. Dr. Simone Natale (Universität Turin) zu Gast im Bremer Presse-Club und hielt im Rahmen der ComAI Lecture Series einen Vortrag zu seinem kürzlich erschienenen Aufsatz „AI, Agency, and Power Geometries“ (Media, Culture & Society, 2025).
Natale eröffnete mit einem grundlegenden Paradox: KI ist einerseits ein globales Phänomen – andererseits ist sie immer in spezifische lokale Kontexte, Kulturen und Machtverhältnisse eingebettet. Um diesem Spannungsfeld theoretisch gerecht zu werden, schlug er vor, das Konzept der Power Geometries der feministischen Geografin Doreen Massey auf den Fall der KI zu übertragen. Machtgeometrien beschreiben, wie Mobilität und Räumlichkeit durch Machtstrukturen geformt werden – und wie unterschiedliche Akteure dabei sehr verschiedene Positionen einnehmen: Manche initiieren Flüsse und Bewegungen, andere sind lediglich deren Empfänger.
Einen besonderen Stellenwert in Natalies Vortrag hatte die Frage der Kulturalität von KI. Trainingsdaten sind kulturell situiert, und Designentscheidungen entstehen durch kulturell geprägte Prozesse – eine Tatsache, die sich etwa in den spezifischen Sprachmustern generativer Sprachmodelle niederschlägt. KI als globales Phänomen lässt sich deshalb nicht losgelöst von drei zentralen Dimensionen betrachten: der Geopolitik der KI, den globalen Machtverhältnissen und postkolonialen Ungleichheiten sowie der globalen Organisation von (Daten-)Arbeit.
Eng damit verknüpft ist die Frage nach Agency – ein zentrales Konzept des Vortrags. Natale plädierte dafür, Handlungsfähigkeit nicht als feste, binäre Eigenschaft zu begreifen, die entweder Menschen oder Maschinen zukommt. Stattdessen verteilt sie sich fluid über Akteure verschiedenster Art: von Maschinen über Nutzer:innen bis hin zu Unternehmen, Regierungen und Institutionen. Diese Verteilung ist selbst Ausdruck von Machtverhältnissen – und macht sichtbar, dass KI-Systeme keine ahistorischen, universellen Kräfte sind, sondern in konkrete kulturelle, historische und geopolitische Kontexte eingeschrieben.
Der Vortrag bot einen eindrücklichen Rahmen, um die ComAI-Forschungsperspektive auf kommunikative KI um eine dezidiert globale und postkoloniale Dimension zu erweitern. Wir danken Prof. Dr. Natale herzlich für seinen Besuch in Bremen.
27. Mai 2026Fragen beantwortet:
Prof. Dr. Andreas Hepp
ZeMKI, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung
Universität Bremen
Tel: +49 421 218-67620
Assistenz Frau Schober: +49 421 218-67603
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